Nadja Beryl Jerczynski
Nadja Beryl Jerczynski

 

Über meine Arbeit:

                                 

                                 

 

"Ein Bild, das nicht die Umgebung bereitstellt, in die der Atem des Lebens eingesogen werden kann, interessiert mich nicht." Worte, die von Mark Rothko stammen. Für den Mitbegründer des Abstrakten Expressionismus war Abstraktion im landläufigen Sinn schlicht inexistent: Jede Form, jede Farbe müsse die "pulsierende Konkretheit" des Lebens in sich tragen. Das Gemälde wird zur Bühne für die Dramen des Lebens. Das "Erhabene", das Rothko und seine Zeitgenossen in ihrer Kunst suchten, sollte sich jenseits der Erinnerung und der Tradition abspielen. Ein Bild, so formulierte es Barnett Newman, sollte nicht durch die "nostalgischen Brillengläser der Kunstgeschichte" verstanden werden können, sondern für den Betrachter gleichsam eine Offenbarung sein.

 

Für die New Yorker Maler der 40er bis 60er Jahre war die Idee eines Bruchs mit der gesamten malerischen Tradition, der Erfindung einer neuen Malerei noch denkbar. Der Künstler unserer Zeit, egal welcher Gattung, muss sich mit solchen Forderungen schwer tun. Überall haben die größten Entwicklungen längst stattgefunden, haben sich Stile und Positionen über Jahrzehnte ausdifferenziert und verfestigt. Der Künstler ist vielmehr darauf angewiesen, sich selbst in der umfangreichen Geschichte seiner Kunstform zu verorten, aus der Überlieferung der Vergangenheit eine eigene Identität zu kreieren. Neues schaffen in unserer Zeit bedeutet: Das Tradierte neu betrachten, frühere Entwicklungen weiterzuführen und einzelne Elemente neu kombinieren.

 

Auch wenn die von Rothko und seinen Zeitgenossen angestoßenen Entwicklungen nicht mehr zu wiederholen sind – die Wurzeln der Kunst von Nadja Jerczynski liegen in der Epoche des Abstrakten Expressionismus, der längst integraler Bestandteil der von Barnett Newman oft verschmähten Kunstgeschichte ist. Und doch schafft sie es ihren Bildern eine unverkennbare eigene Handschrift zu verleihen. Denn die Colorfields von Nadja Jerczynski entwickelten früh ein Eigenleben, eine individuelle Dynamik, und erfüllen so auf ganz eigene Weise die Forderung Rothkos. In den Farben, vor allem aber in den Texturen finden sich die Natur und die Alltagswelt wieder – sie atmen das Leben selbst, doch anders als es der Altmeister für seine eigenen Bilder postulierte.

 

In The Last Hour lösen sich die Streifen in unterschiedliche Wolkenhimmel auf, das leuchtende Weiß im sonst dunklen Ultraviolet 4 geht bei genauerem Hinsehen von einer Glühbirne aus. Durch die Verflechtung der abstrakten Tradition mit einer gegenständlicheren Ausführung wolle sie der "gegenseitigen Beeinflussung von geistiger und physischer Ebene" Rechung tragen, beschreibt es die Künstlerin selbst. Während Rothko, vor ihm aber auch die europäischen Expressionisten, die sichtbare Welt zugunsten der inneren aus ihren Bildern verbannten, geht Jerczynski diesen Schritt zurück und macht ihn in ihren Bildern sichtbar. Die Dichotomie – der Mensch mit seinen Empfindungen auf der einen Seite, seine Umwelt auf der anderen Seite – wird aufgelöst.

                               

 

Bilder wie Light and Field I und II oder das vierteilige Suburbian W-Lawn, beide aus dem Jahr 2007, markieren frühe Schritte dieses noch immer fortschreitenden Entwicklungsprozesses. Das Grün des Rasens, das Blau des Himmels, das Grau des Asphalts – man glaubt sie in den Streifen und Flächen wiederzufinden. Der Schritt von der inneren zur äußeren Welt zeigt sich in Nadja Jerczynski´s Bildern auch dank einer veränderten technischen Herangehensweise: In früheren Bildern suchte sie noch die weitgehende Auslöschung einer malerischen Handschrift, Pinselduktus und Oberflächenbehandlung traten hinter den klaren oder auch transparenten Flächen zurück. In ihren jüngeren Arbeiten lösen sich die Flächen jedoch in deutliche, malerische Strukturen auf, die durch den pastosen Farbauftrag entstehen. Aus der Nähe betrachtet, ahmen die grünen Flächen bei Suburbian W-Lawn die Textur des Rasens nach, das Braun bei Light and Field gleicht in seiner Oberfläche einem Acker, die Gischt bei On The Shore tritt förmlich aus dem Bild heraus. Im Weiß von Ultraviolet II zeichnen sich florale Formen ab – wie Blumen, verloren im Schnee. Die Natur erobert die Leinwand zurück und wird an deren Oberfläche greifbar.

 

Zahlreiche Einflüsse bezieht die Münchner Malerin auch aus der Popmusik, am häufigsten aus dem Oeuvre der irischen Band U2 mit dem sie sich seit vielen Jahren beschäftigt. Zum einen, so meint die Künstlerin, weil U2 es schaffe, trotz der Aufnahme fremder Einflüsse die eigene Position zu wahren und mit der Verschränkung unterschiedlicher Klang/ Musikelemente arbeite. Zum anderen wegen des Aspekts von Aussage und Inhalt. Bei beiden, der Malerin und U2 geht es um Spiritualität und Transzendenz. So ist es auch kein Zufall, daß einige Bilder in diesem Katalog die Titel von U2 Songs tragen, wie beispielsweise die Ultraviolet-Serie, Grace I +II und TomTom and Eloise. Das Bild The Last Hour entstand zu dem Album "The Joshua Tree".

 

In einigen ihrer jüngsten Bilder lässt Nadja Jerczynski das Abstrakte noch weiter hinter sich und malt Menschen und Figuren – wie den Desperate Christmas Angel. Und doch bleibt dieser seltsam irreal. Das verbindet ihn mit den anderen Arbeiten der Künstlerin: Die Werke umgibt eine Aura des Unfassbaren. Hinter den Farbebenen, hinter den Texturen und Motiven liegt etwas Geheimnisvolles und Abgründiges.

 

Marcus Golling

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© Jerczynski